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Jesaja – der Evangelist unter den Propheten

Ansicht Cover Band1 Ohne Zweifel nimmt Jesaja unter den Propheten die erste Stelle ein, was auch äußerlich dadurch zum Ausdruck kommt, dass sein Buch unter den Schriftpropheten an den Anfang gesetzt wurde, obgleich er nach der Chronologie nicht der Erste ist. Der Grund für diese Anordnung war gewiss nicht der größere Umfang seiner prophetischen Schrift, sondern die ausschlaggebende Bedeutung ihres Inhalts.

Heinrich Langenberg stellt in besonderer Weise die Bedeutung der Heilsbotschaft Jesajas heraus. Hierin ist der Prophet geradezu bahnbrechend. Obwohl Jesaja auf der Arbeit seiner Vorgänger aufbaut und seine Lehre sich in genauem Zusammenhang mit dem Gesamtprophetismus befindet, hat er seine ganz bestimmte, persönliche Selbstständigkeit. Sie drückt sich in seiner königlich klassischen Sprache und dem großen Wortschatz aus, der ihm eigen ist. Was ihn besonders auszeichnet, ist die klare Beschreibung der Person des Messias in seiner Leidensgestalt und in seiner majestätischen Herrlichkeit. Die Heilsbotschaft des Jesaja ist innerlich eins mit dem Evangelium der Gnade im Neuen Testament, weshalb ihn die Kirchenväter auch wohl den Evangelisten unter den Propheten nannten.

Brosch., 572 Seiten, 33,90 €
ISBN-13: 978-3-00-043053-4
Bestellnummer: 1310

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Ausschnitte zum Probelesen


Inhaltsverzeichnis


1 Die Bedeutung Jesajas im Allgemeinen 11
1.1 Zion muss durch Recht erlöst werden (1,1-31) 15
1.2 Gott ist alles, der Mensch nichts (2,1-22) 24
1.3 Das Gericht über die entartete Kultur (3,1-4,1) 30
1.4 Das neue Leben für den geretteten Überrest (4,2-6) 35
1.5 Das Gericht über den Weinberg Jehova Zebaoths (5,1-30) 40
1.6 Im Allerheiligsten (6,1-13) 47
1.7 Die Lehre vom Überrest (Röm. 9,25-29; 11,1-5) 54
1.8 Fragen und Probleme 58
2 Anknüpfung der Heilsbotschaft Jesajas an die Zeitgeschichte 59
2.1 Die höchsten Interessen dessen, der im Allerheiligsten gewesen (7,1-25) 63
2.2 Die zentrale Bedeutung Immanuels (8,1-15) 72
2.3 Das messianische Zeugnis (8,16-23) 77
2.4 Das große Licht (9,1-20) 82
2.5 Das Heilsziel des Zornes Gottes (10,1-34) 89
2.6 Die große Wendung (11,1-16) 97
2.7 Das Danklied der Erlösten (12,1-6) 103
2.8 Fragen und Probleme 107
3 Prophetische Weltrundschau 108
3.1 Das Völkergericht am Tag des Herrn (13,1-13) 111
3.2 Babel als Thron der Welt gerichtet (13,14-14,23) 116
3.3 Jehovas Rat über die ganze Erde (14,24-32) 123
3.4 Ein Thron wird durch Gnade aufgerichtet werden (15,1-16,14) 128
3.5 An jenem Tag werden ihre Augen auf den Heiligen Israels sehen (17,1-14) 134
3.6 Zu jener Zeit werden Jehova Zebaoth Geschenke dargebracht (18,1-7) 140
3.7 Weltgericht und Weltbekehrung (19,1-25) 144
4 Das Heil der Welt 152
4.1 Wächter, wie spät ist es in der Nacht? (20,1-21,17) 156
4.2 Essen und trinken, denn morgen sind wir tot (22,1-25) 164
4.3 Denen, die da wohnen vor Jehova, wird ihr Gewinn gehören (23,1-18) 170
4.4 Das große Weltgericht und die Aufrichtung des Reiches (24,1-23) 176
4.5 Das Freudenmahl aller Völker auf Zion (25,1-12) 183
4.6 Auf dem Pfad deiner Gerichte erwarten wir dich, Jehova (26,1-21) 188
4.7 Israels Heil im Licht der Gerichte Gottes (27,1-13) 198
4.8 Fragen und Probleme 203
5 Die hiskianische Zeit und ihre Bedeutung 204
5.1 Um des Unglaubens willen nicht eingegangen in die Ruhe (28,1-13) 209
5.2 Die zwei Möglichkeiten (28,14-29) 213
5.3 Ihre Gottesfurcht ist nichts als angelerntes Menschengebot (29,1-24) 219
5.4 Darum wartet Jehova darauf, euch zu begnadigen (30,1-26) 226
5.5 Jehova wird ertönen lassen die Majestät seiner Stimme (30,27-31,9) 233
5.6 Der Geist aus der Höhe (32,1-20) 239
5.7 Jehova, erbarme dich unser! Auf dich hoffen wir (33,1-24) 245
5.8 Fragen und Probleme 252
6 Der religiöse Bankrott 253
6.1 Das Völkergericht, ein Jahr der Vergeltung im Streit Zions (34,1-17) 255
6.2 Der heilige Hochweg für das erlöste Israel (35,1-10) 260
6.3 Jerusalems Bedrängnis (36,1-22) 265
6.4 Hiskia breitet es aus vor Jehova (37,1-38) 269
6.5 Die begrenzte Möglichkeit des Glaubens (38,1-22) 275
6.6 Der Bankrott (39,1-8) 281
6.7 Der Bankrott der Gläubigen (Lukas 17,1-10) 285
6.8 Fragen und Probleme 289
7 Zur Charakteristik des zweiten Teiles des Jesajabuches 291
7.1 Gottes Antwort auf den Bankrott des Menschen (40,1-11) 294
7.2 Gottes absolute Macht und Weisheit als Heilsgrund (40,12-31) 299
7.3 Die Erlösung Israels als Gottesbeweis (41,1-13) 305
7.4 Dein Erlöser ist der Heilige Israels (41,14-29) 310
7.5 Der Knecht Jehovas (42,1-25) 316
7.6 Ich, ich tilge deine Missetaten um meinetwillen (43,1-28) 324
7.7 Ausgießung des Geistes und das Loblied der Erlösung (44,1-23) 331
7.8 Fragen und Probleme 337
8 Anbahnung der Erlösung Israels durch Kores 338
8.1 Kores, der Gesalbte Jehovas (44,24-45,7) 340
8.2 Gottes Freiheit und Alleinmacht – Ton und Töpfer (45,8-13) 346
8.3 Umfang und Ziel des Heils (45,14-25) 351
8.4 Der Untergang der Götzen (46,1-13) 358
8.5 Der Untergang Babels (47,1-15) 363
8.6 Siehe, ich läutere dich – die eine Seite (48,1-11) 368
8.7 Flucht aus Babel – die andere Seite (48,12-22) 374
8.8 Fragen und Probleme 379
9 Der Knecht Jehovas 381
9.1 Mein Knecht bist du, bist Israel, an dem ich mich verherrlichen werde (49,1-13) 383
9.2 Jehova hat mich verlassen, und der Herr hat meiner vergessen (49,14-26) 389
9.3 Der leidende Knecht Jehovas (50,1-11) 395
9.4 Wache auf, wache auf, ziehe Kraft an, Arm des Herrn! (51,1-16) 400
9.5 Wache auf, wache auf, ziehe deine Stärke an, Zion! (51,17-52,12) 407
9.6 Das Lamm Gottes (52,13-53,7) 414
9.7 Der Lohn seiner Schmerzen (53,8-12) 420
9.8 Fragen und Probleme 425
10 Der neue Heilsweg 426
10.1 Das Erbe der Knechte Jehovas und ihre Gerechtigkeit (54,1-17) 428
10.2 Die Heilsaneignung (55,1-13) 435
10.3 Mein Haus soll ein Bethaus heißen allen Völkern (56,1-9) 442
10.4 Machet Bahn, machet Bahn! Richtet her den Weg! (56,10-57,14) 447
10.5 Ich will sie heilen (57,15-21) 454
10.6 Falsche Frömmigkeit – das größte Hindernis (58,1-14) 460
10.7 Es wird Zion ein Erlöser kommen (59,1-21) 468
10.8 Fragen und Probleme 475
11 Die neue Schöpfung 476
11.1 Es werde! (60,1-22) 479
11.2 Der Mittler der neuen Schöpfung (61,1-11) 488
11.3 Man wird dich nennen mit einem neuen Namen (62,1-12) 494
11.4 Blicke vom Himmel herab und schaue nieder! (63,1-19) 500
11.5 O dass du den Himmel zerrissest und führest herab! (64,1-11) 508
11.6 Gottes Antwort auf Israels Heilsgebet (65,1-16) 513
11.7 Das neue Jerusalem (65,17-66,24) 519
11.8 Fragen und Probleme 531
Bibelstellenverzeichnis 535

1 Die Bedeutung Jesajas im Allgemeinen

Ohne Zweifel nimmt Jesaja unter den Propheten die erste Stelle ein, was auch äußerlich dadurch zum Ausdruck kommt, dass sein Buch unter den Schriftpropheten an den Anfang gesetzt wurde, obgleich er nach der Chronologie nicht der erste ist. Der Grund für diese Anordnung war gewiss nicht der größere Umfang seiner prophetischen Schrift, sondern die ausschlaggebende Bedeutung ihres Inhalts. Jesus Sirach nennt Jesaja den größten Propheten und zuverlässigsten in seinen Gesichten. „Durch den Geist der Kraft schaute er die Endzeit und tröstete die Trauernden Zions. Für alle Zukunft tat er kund, was werden sollte, und das Verborgene, ehe es herbei kam“ (Jes. Sir. 48,22.24f.).

Die Bedeutung Jesajas liegt in seiner Heilsbotschaft. Hierin ist er geradezu bahnbrechend. Wohl steht er auf den Schultern seiner Vorgänger, und seine Lehre befindet sich in genauem Zusammenhang mit dem Gesamtprohetismus. Es ist nirgends eine Disharmonie oder eine Durchbrechung der Einheit des Geistes zu entdecken.

Dennoch hat Jesaja seine ganz bestimmte, persönliche Selbstständigkeit, die auch schon an der königlich klassischen Sprache und dem großen Wortschatz erkannt wird, der ihm eigen ist. Gerade die Tatsachen, auf welchen das Christentum beruht, hat Jesaja mit einer wunderbaren Klarheit vorausverkündigt, die nichts zu wünschen übrig lässt. So beschreibt er im Allgemeinen nicht nur die Voraussetzungen für das Heil, die erzieherischen Grundsätze in den Regierungswegen Gottes, die Rettung Israels durch Gericht und das Heil der Welt durch Vermittlung des wiederhergestellten Israel; dieses hat er mit allen seinen Vorgängern gemein.

Was ihn besonders auszeichnet, das ist die klare Beschreibung der Person des Messias in seiner Leidensgestalt und in seiner majestätischen Herrlichkeit. Der königliche Weg der Heilsgeschichte durch Leiden und Sterben wird hier geschaut und gezeichnet bis in die Einzelheiten hinein und damit das messianische Heilsproblem bis zu seinem Entscheidungspunkt gefördert. Mit der Heilsverwirklichung korrespondiert die Aneignung des Heils, das frei und umsonst aus Gnaden angeboten wird. Die Heilsbotschaft des Jesaja ist innerlich eins mit dem Evangelium der Gnade im Neuen Testament, weshalb ihn die Kirchenväter auch wohl den „Evangelisten unter den Propheten“ nannten.

Der Charakter seiner Mission wird bereits durch seinen Namen gekennzeichnet. Jeschajahu heißt: Jehova ist Heil. Über seine persönlichen Verhältnisse wissen wir nicht viel. Der Prophet Gottes tritt ganz zurück hinter seine Aufgabe, ein Zeuge des Herrn zu sein. Sein Vater hieß Amoz und sein Wirkungskreis war Juda, speziell Jerusalem. Dass er verheiratet war, geht aus Kapitel 7,3; 8,3.18 hervor. Er hat eine beinahe 60-jährige öffentliche Wirksamkeit gehabt unter den vier judäischen Königen: Usia, Jotham, Ahas und Hiskia. Die jüdische Sage erzählt von ihm, dass er unter Manasse den Märtyrertod gefunden, und dass dieser König ihn in einer hohlen Zeder habe zersägen lassen.

Zum Verständnis seines Buches ist die Kenntnis des zeitgeschichtlichen Hintergrundes notwendig. Für die Entwicklung der Heilsgeschichte war die Zeit eine kritische Zeit erster Ordnung, so ganz dazu angetan, dass ein Prophet erster Ordnung wie Jesaja die Probleme der Zeit in das helle Licht der Ewigkeitsoffenbarung stellte. Der Konflikt Israels mit der großen Politik der Weltreiche brachte eine weltweite Ausdehnung des prophetischen Gesichtsfeldes mit sich. Der geschichtliche Anlass dazu war der syrischephraimitische Krieg und in Verbindung damit die Einmischung Assyriens in den Streit zwischen Juda und Israel.

Im Todesjahr des Königs Usia wurde Jesaja zu seiner ganz speziellen Prophetenaufgabe berufen (Kapitel 6,1). Über die 16-jährige Regierungszeit Jothams wird im Buch Jesajas nichts berichtet. Diese Zeit diente wohl der stillen Sammlung und Vorbereitung für seinen Prophetenberuf. Erst unter Ahas tritt Jesaja wieder öffentlich auf und greift in die Politik Judas ein (vgl. Kapitel 7,1ff.). Ahas rief gegen die vereinigten Streitkräfte Syriens und Ephraims die Hilfe des Assyrers Tiglath Pileser herbei. Gegen diese Bündnispolitik trat Jesaja mit ganzer Entschiedenheit auf. Er verkündigte die von Assur drohende Gefahr, aber auch die schließliche Überwindung derselben (Kapitel 7–12). Unter Ahas verbreitete sich das götzendienerische Verderben durch den assyrischen Einfluss in ganz Juda, doch unter seinem Sohn Hiskia fand eine der herrlichsten Reformationen auf israelitischen Boden statt, ein Sieg des Glaubens über Götzendienst und die falsche Bündnispolitik.

Aber gerade durch die glanzvolle Regierung des frommen, glaubensmutigen Hiskia sollte das Unzulängliche aller menschlichen Bemühungen ins Licht gestellt werden. Das zu erkennen und mit den Heilsabsichten Gottes in Harmonie zu bringen, war die Aufgabe der Propheten Micha und Jesaja. Selbst ein Hiskia konnte das Volk nicht retten, seine Reformation brach völlig zusammen unter seinem Nachfolger Manasse, dem gottlosesten König auf dem Thron Judas. Hiskia selbst, der die wunderbare Errettung aus der assyrischen Gefahr unter Sanherib erfahren hatte, war schuld daran, dass ein neues Verderben über Juda heraufzog durch Babel, das schließlich auch für das Volk den Untergang herbeizuführen berufen war im Jahr 588.

Diese ganze welt- und heilsgeschichtlich bedeutsame Entwicklung bildet den Hintergrund der Wirksamkeit Jesajas. Um die beiden kritischen Punkte der geschichtlichen Entwicklung, den syrisch-ephraimitischen Krieg zur Zeit des Ahas und Sanheribs Niederlage mit der darauf folgenden Gesandtschaft Merodach Baladans von Babel, dreht sich die öffentliche Wirksamkeit des Propheten. Daran knüpft er seine Verkündigung des Gerichts und der schließlichen Errettung. Nicht das Gericht ist das Ende der Wege Gottes, sondern das Heil.

Das Buch des Propheten legt schon in seiner äußeren Einteilung Zeugnis dafür ab:

- Der ganze zweite Teil (Kapitel 40–66) könnte das große Trostbuch genannt werden, weil es das Heil ganz und gar in den Vordergrund stellt. Wahrscheinlich stammt dieser zweite Teil aus dem Ende der Wirksamkeit des Propheten und bildet so das edelste Produkt seiner gereiften Erkenntnis der Wege Gottes. Der „Heilige Israels“ als Bezeichnung Gottes in seinen Heilswegen mit Israel ist das Generalthema des ganzen Buches. Gott ist ein verzehrendes und reinigendes Feuer für das unheilige Volk, er wird dasselbe durch schwere Gerichte hindurchführen und einen Überrest retten, der sich bekehrt und dann alle Herrlichkeit erbt, die Jehova seinem Volke verheißen hat. Dieser Gedanke wird in dem Namen des Sohnes Jesajas angedeutet: Schear Jaschub, d. h. der Überrest bekehrt sich.

- Im ersten Teil des Buches (Kapitel 1–39) bildet die Gerichtsverkündigung über Juda und alle Völker das Hauptthema. Durch Gerichte wird das zukünftige Heil angebahnt und vermittelt, ausgehend von der Beugung und Buße des trostbedürftigen leidenden Volkes. Der Erlöser oder Messias wird Knecht Jehovas genannt, um seine vollkommene Solidarität mit dem Volk Israel und der Menschheit im Glauben und Gehorsam zu betonen. Er hat die Aufgabe erfüllt, die Israel gestellt war, welche das sündige Volk aber niemals erfüllen konnte, selbst nicht in seinen edelsten Vertretern wie Hiskia.

Mit der ganzen Menschheit ist der Messias solidarisch, indem er die Aufgabe erfüllte, die dem Menschen als Geschöpf Gottes von Anfang an oblag, die er aber nie annähernd erfasst und begriffen hat. In Kores, der Hirte oder Gesalbter Jehovas genannt wird (Kapitel 45,1), haben wir einen der edelsten Vertreter des Menschentums auf dem Boden der Völkerwelt, wie wir in Hiskia einen der besten Vertreter der israelitischen Theokratie haben. Beiden gegenüber steht der Messias als der Knecht Jehovas hoch erhaben als der Einzige, der imstande ist, das Heil zu verwirklichen. Er vereinigt in seiner Person alles, was typisch auf ihn hindeutete, das königliche, prophetische und priesterliche Amt, das Opfer und das Heiligtum.

Der Messias ist identisch mit Jehova. So ist der Zusammenhang zwischen dem Alten und Neuen Testament gefunden und die christozentrische Orientierung als Voraussetzung für die richtige Schrifterkenntnis (Joh. 5,39) ins rechte Licht gerückt. Jesaja steht an einem der bedeutendsten Wendepunkte der Heilsgeschichte, gleichsam in der Mitte zwischen der babylonischen Sprachverwirrung und der Geburt Christi. Es geht ein Altes dahin und ein Neues beginnt. Die welterobernde, universale Aufgabe Israels soll durch Christus verwirklicht werden.

9.6 Das Lamm Gottes (52,13-53,7)

Für die richtige Auslegung hängt alles davon ab, wie der Ausdruck „Knecht Jehovas“ verstanden wird. Die jüdischen Rabbiner, welche gegen die christliche Auslegung sich wehren, verstehen unter dem Knecht Jehovas ausschließlich das jüdische Volk. Die Ansicht hat für sich eine gewisse eiserne Konsequenz, übersieht allerdings dabei, dass sie die Rätsel von Jes. 53 damit zu lösen nicht imstande sind. Wie kann Israel sich selbst erlösen? Wie kann gesagt werden: „Jehova warf unser aller Schuld auf ihn“, wenn die Schuldigen und der Sühnende zu gleicher Zeit ein und dasselbe Israel ist? Ein ehrlicher Schriftforscher, der die neutestamentliche Deutung noch nicht kennt, kann nur so fragen wie der Kämmerer aus Äthiopien (vgl. Apg. 8,34): „Von wem sagt der Prophet solches, von sich selbst oder von einem Anderen?“ Dass das, was in Jes. 53 vom Knecht Jehovas ausgesagt wird, auf keinen sündigen Menschen passt, er sei Prophet oder König, bedarf keines Beweises.

Dass der Andere, das große X, Christus oder der Messias sein muss, zu dieser Überzeugung zwingt die innere Logik, auch wenn wir das Licht des Neuen Testaments nicht hätten. Nur diese eine Auslegung passt in den Rahmen des Gesamtprophetismus hinein, nur dieser eine Schlüssel passt, um die Tore des Verständnisses für Jes. 53 zu öffnen. Auf Grund des Solidaritätsgesetzes ist Christus auch der Israel und insofern hat er die Aufgabe, die das Volk als Knecht Jehovas hatte, übernommen. In dem Verhältnis der Einheit mit dem Volk und der gleichzeitigen Unterschiedlichkeit vom Volk liegt das Geheimnis der Stellvertretung und der Neuschöpfung, das Geheimnis des „Christus für uns“ und des „wir in Christus“.

„Siehe, mein Knecht wird weise handeln. Er wird emporsteigen und erhöht werden und sehr erhaben sein.“ (52,13)

Zweierlei wird hier von dem Knecht des Herrn ausgesagt: Wie er handeln wird, und welchen Erfolg er damit haben wird. Er wird darin als der Mensch, der zweite Mensch, dem ersten Menschen Adam gegenübergestellt (vgl. 1. Kor. 15,45–47). Der erste Mensch wollte weise werden und in die Höhe steigen, er wollte sein wie Gott (1. Mo. 3,5–7), fiel aber in die Tiefe des Todes und der Finsternis. Der Ausdruck „weise sein oder handeln“ kommt zuerst in 1. Mo. 3,6 vor. Der zweite Mensch, der letzte Adam, Christus, hat in Wirklichkeit die Weisheit, nach welcher der erste Mensch in verkehrter Gesinnung die Hand ausgestreckt hat. Der Knecht Jehovas hat den umgekehrten Weg eingeschlagen, den Weg durch Erniedrigung und Gehorsam bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil. 2,5–11), und ist dadurch zur höchsten Höhe emporgestiegen. Die drei Ausdrücke: „emporsteigen“ , „erhöht werden“ und „erhaben sein“ sind eine Steigerung, um das Emporsteigen bis zur höchsten Höhe anzudeuten. Aber es geht zuvor durch die tiefste Tiefe.

„Gleichwie sich viele über dich entsetzen, so entstellt, nicht mehr menschenähnlich war sein Aussehen, und seine Gestalt nicht mehr wie die der Menschenkinder, so wird er viele Völker vor Staunen und Ehrfurcht aufspringen lassen, seinethalben werden Könige ihren Mund zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt ward, schauen sie, und was sie nie gehört haben, nehmen sie wahr.“ (52,14–15)

Die ganze Geschichte Israels ist typisch für das Leben des wahren Knechtes Jehovas. Es ist zu beachten, dass Christus mit dem Bankrott, dem Sterbensweg Israels in Beziehung gebracht wird. Die Erlebnisse Israels haben innere Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit dem Weg des Knechtes Jehovas, die tiefe Erniedrigung in der babylonischen Gefangenschaft und die wunderbare Erlösung und Erhöhung des Volkes weisen direkt darauf hin, dass Christus denselben Weg einschlagen sollte. Wir finden im Leben Jesu auf Schritt und Tritt die Geschichte Israels wieder, in ihrer tiefsten Bedeutung offenbart und erfüllt. In demselben Maß, wie die Gestalt der Niedrigkeit, das Entstelltsein bis zum Unmenschlichen, das Entsetzen der Menschen verursacht, wird später seine Erhöhung die staunende Verehrung hervorrufen. Das Zuhalten des Mundes ist Zeichen der Verehrung (vgl. Kapitel 49,7).

Gerade diejenigen, denen vorher nichts davon verkündigt worden war, werden als erste bereit sein, dem Knecht Jehovas ihre Verehrung zum Ausdruck zu bringen (vgl. Röm. 15,21).

Dennoch ist der Glaube überall nicht des Menschen Werk, sondern Gottes Geschenk (vgl. Eph. 2,8–9), auf dass niemand sich rühme. Die Ablehnung des Evangeliums von der Welt, von Juden und Heiden, gehört mit zum Heilsplan Gottes (vgl. Jes. 6,9–10), auf dass die Alleinmacht Gottes im Erlösungswerk offenbar werde. „Denn Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf dass er alle begnadige“ (Röm. 11,32).

„Wer hat dem, was uns verkündigt ward, geglaubt, und der Arm Jehovas, über wem ward er enthüllt?“ (53,1)

Der Prophet spricht hier im Namen Israels und als Mund der Völkerwelt. Beide Teile sind hier gemeint:

- Die Kunde des Freudenboten war für Israel (vgl. Kapitel 52,7–9).

- Die Offenbarung des Armes Jehovas war für die Völkerwelt (vgl. Kapitel 52,10).

Als Grund für die Ablehnung des Evangeliums wird die Niedrigkeit des Knechtes Jehovas angegeben.

„Und so wuchs er vor ihm auf wie ein Wurzelsprössling und wie ein Wurzelschoss aus dürrem Land. Er hatte nicht Gestalt noch Schöne, dass wir ihn hätten ansehen mögen, und kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten.“ (53,2)

Der leidende Christus war von jeher der Anstoß in der Welt, nicht nur bei der Synagoge, sondern auch bei den Völkern. Das Kreuz ist das Zentralärgernis. Der Knecht Jehovas wuchs vor den Augen Jehovas auf wie ein Wurzelsprössling aus dürrem Land. Dadurch wird er als der Davidsspross (vgl. Kapitel 11,1ff.) bezeichnet, als welcher er bisher im Prophetismus bekannt war. Das Emportreiben eines Wurzelschosses aus dürrem Erdreich ist ein Gotteswunder, dasselbe, auf das in den Propheten immer wieder hingewiesen wird. Erst musste Israel völlig bankrott werden, die Hütte Davids zerfallen, Jerusalem zerstörungsreif sein, also das Erdreich dürr sein, bevor Christus aus diesen menschlich hoffnungslosen Verhältnissen heraus auftreten konnte. Da war nichts, was nach außen hin in die Augen gefallen wäre und die Sympathie des Menschen gefunden hätte.

„Verachtet war er und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und vertraut mit Krankheit, und wie einer, vor dem man das Antlitz verhüllt, verachtet, dass wir ihn für nichts rechneten.“ (53,3)

Auf die Niedrigkeit des Messias hat Jesaja von Anfang an hingedeutet (vgl. Kapitel 4,2; 7,14–15; 11,1), aber dass diese Verächtlichkeit einen solchen Grad erreichen sollte, war etwas Neues, Unerhörtes. Von der davidischen Königsherrlichkeit war nichts mehr übriggeblieben als ein Wurzelschoss aus dürrem Land. Ja, er stand noch tiefer als alle Menschen überhaupt, das bedeutet „verachtet und von den Menschen verlassen“ (vgl. Mk. 9,12). Er war von jedermann verachtet, von den Leuten verabscheut, ein Sklave der Tyrannen (vgl. Kapitel 49,7). Nicht mehr menschenähnlich war sein Aussehen und seine Gestalt nicht mehr wie die der Menschenkinder (vgl. Kapitel 52,14). Ein Gegenstand des Abscheus, vor dem jedermann das Antlitz verhüllt, um das Widerwärtige nicht sehen zu müssen, nämlich die Schmerzen und die Krankheit.

„Aber unsere Krankheit hat er auf sich genommen und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen, wir aber hielten ihn für von Gott gestraft, für von Gott geschlagen und niedergebeugt.“
(53,4)

Das ist der Grund des Abscheus, der maßlosen Verachtung, weil der Mensch an dem Schmerzensmann Christus sein eigenes abstoßendes Bild sieht, vor dem er erschrickt, vor dessen Anblick er das Antlitz verhüllt. Nichts erscheint uns so hässlich wie unsere eigene Hässlichkeit, wenn wir sie beim Anderen sehen. Wir halten uns natürlich nicht für so hässlich, wollen es nicht glauben, ahnen den Zusammenhang und halten uns die Augen zu. Was Sünde ist, können wir an Christus, dem leidenden Knecht Jehovas erkennen; denn Gott hat ihn für uns zur Sünde gemacht (vgl. 2. Kor. 5,21). Wir hielten ihn für von Gott gestraft, geschlagen und geplagt, wie Hiobs Freunde den Hiob (vgl. Hiob 2,9; 4,7; 8,3).

Wir sind alle geborene Pharisäer, unglaublich selbstgerecht, regen uns auf über andere, über Christus, und sehen nicht unsere eigene Hässlichkeit. Hier ist die Krisis, die große Wendung in unserer religiösen Einstellung, wenn wir am Bild des Schmerzensmannes unser eigenes Elend wiedererkennen und anfangen, das Geheimnis der Stellvertretung zu verstehen.

Das ganze Leben Jesu in Niedrigkeit war eine Erfüllung dieses Wortes von Anbeginn an (vgl. Mt. 8,17).

„Er aber ist um unserer Übertretungen willen verwundet, um unserer Verschuldung willen durchbohrt. Strafe uns zum Heil lag auf ihm, und durch seine Striemen war uns Heilung.“ (53,5)

Das ist die göttliche Möglichkeit der Erlösung. Nicht einfache Annullierung durch Dekret, sondern Überwindung durch solidarische Stellvertretung, eine Erlösung nach Recht und Gerechtigkeit (vgl. Kapitel 1,27). Wir sehen in Christus zweierlei: Das Bild unserer Sünde, unserer Krankheit und Schmerzen, und das Bild unseres Heils (vgl. 1. Petr. 2,24). Die Strafe, die uns hätte treffen müssen, die uns aber vernichtet hätte, hat er auf sich genommen, indem er sich als Haupt der Menschheit mit uns solidarisch machte. Als Glieder des Leibes, wovon er das beherrschende Haupt ist, haben wir organischen Anteil an seinem Leiden, Sterben und Leben.

„Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, wandten uns ein jeder zu seinem Weg. Jehova aber ließ ihn treffen unser aller Schuld.“ (53,6)

Kein Mensch ist das, was er scheint, und die Welt ist nicht das, was sie vorgibt zu sein. Wir befinden uns alle in einem grandiosen Irrtum über uns selbst und die uns umgebende Welt. Wir machen uns alle unseren eigenen Weg und treiben Götzendienst damit und verrennen uns immer hoffnungsloser darin, wie törichte, hilflose Schafe. Alle unsere Wege, die für jeden Einzelnen ihre besondere Ausprägung finden, sind durch und durch Schuld vor Gott, verkehrt von Grund aus, weil vom Ich bestimmt. Das ist ja der Irrtum, dass wir unser Ich mit Gott verwechseln oder Gott entgegensetzen. Diese Riesenverschuldung der ganzen Menschheit in ihrer furchtbaren Wucht ließ Gott ihn treffen.

Wir waren alle in diesem Irrtum. Der Prophetismus kennt nicht die Zweiteilung, einen besseren und einen schlechteren Teil des Volkes, Schuldige und Unschuldige. Alle ohne Ausnahme sind schlecht und schuldig.

„Misshandelt ward er, während er sich doch willig beugte und seinen Mund nicht auftat, wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird; und wie ein Schaf, das vor seinen Scherern verstummt, so tat er nicht auf seinen Mund.“ (53,7)

Für beide Teile wird das Bild des Schafes gebraucht, für die irrenden Sünder und für den leidenden Sühner. Die Wahl desselben Bildes ist gewiss absichtlich, um zu zeigen, wie der Knecht Jehovas sich eins gemacht hat mit den Sündern, und wie er auf dem Boden der Einheit die Sünde überwunden hat durch den willigen Tod. Seine willige Beugung unter den Opferwillen Gottes, sein Schweigen, seine absolute Widerspruchslosigkeit gegen das, was die menschliche Vernunft als schreiende Ungerechtigkeit ansehen muss, sein Gehorsam bis zum Tod des Kreuzes ist der Sieg über Sünde und Tod. Das Lamm gibt sein Leben zum Opfer hin, die Schafmutter ihre Wolle beim Scheren zum Dienst der Menschen. Alles, was die Opfer im Alten Bund vorgebildet hatten, fand in Christus seine Erfüllung. „Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Joh. 1,29; vgl. Apg. 8,32).